Abschlussbericht: Informatikstudium Braunschweig

Bevor alles begann

Die Vorgeschichte, die mich dazu bewegte, Informatik zu studieren ist ziemlich gradlinig: in der siebten Klasse kamen wir in die Informatik AG von Herrn Menzel am Scharnhorstgymnasium Hildesheim. Wir (meine alten Schulfreunde Hannes, Basti ein paar andere und ich) lernten Programmieren mit Turbo Pascal und schnell auch, die Administration der Schulsysteme, was natürlich die ein oder andere selbstständige Erweiterung unserer Benutzerprivilegien erforderte. Auf Netzwerk-Sessions bei unseren Eltern haben wir mit Ballerspielen und Trojanersoftware herumexperimentiert. Wir haben eine Menge über Netzwerke und Systeme gelernt. Der Sprung ins Internet kam aber erst später, weil die Entwicklung damals noch nicht so weit war. Es waren Zeiten mit 14.4er Modems und Online-Banking über BTX (Bildschirmtext).

In der siebten Klasse war es glaube ich auch, als wir gemeinsam unser erstes „Softwareprojekt“ gestartet haben. Es sollte ein Abenteuerspiel werden und das Team bestand aus: Hannes (sein Vater hatte damals schon einen CD-Brenner), Basti (wir haben fast alles zusammen gemacht), Matze (konnte visuelles Material besorgen), Alina & Jenny (die viel Kreativität mitbrachten und zuständig für die Vertonung waren). Leider ist das Spiel nie fertig geworden.

Nach meinem Aufenthalt in den USA, wo ich eigentlich ein paar echte Hacker treffen und viel lernen wollte, waren wir alle online. Sicherheit von Computersystemen beschränkte sich nun nicht mehr nur auf den eigenen PC sondern auch auf die unendlichen Weiten des Internet.


Vorbereitungen für eine Parade in Connell (Washington State).

Nach einigen kleinen Softwareprojekten entstand mit meinem Schulkameraden Tim zusammen ein erstmals größeres und erfolgreiches Softwareprojekt. Mittlerweile war bei uns die Programmiersprache Visual C++ angesagt, weil Delphi in der Informatik AG in der Schule benutzt wurde und die richtigen Programmierer eigentlich C oder C++ verwendeten. Unser Jugend forscht Projekt ABBA war ein super Erlebnis: wir machten die Wochenenden durch, vernachlässigten die Hausaufgaben und lernten für Schularbeiten nur ganz kurz vorher. Ich glaube damals habe ich auch in einem Deutschaufsatz eine Fünf bekommen, weil ich das Thema verfehlte. Anscheinend hatte ich in den zwei oder drei vorhergegangenen Monaten nicht mitbekommen, dass wir im Deutschunterricht Monologe bestimmter Personen übten. Jedenfalls habe ich das wohl nicht ganz korrekt umgesetzt und einen Monolog aus der falschen Perspektive geschrieben.


Tim und ich auf dem Regionalwettbewerb Jugend forscht.

Auf die Sicherheitssoftware ABBA zur verschlüsselten Kommunikation  folgte ARD. Das Autonom Reagierende Datenklassifizierungssystem war leider nicht so erfolgreich, wie der „abhörsichere Schwedenpop“. Anstelle den Bundeswettbewerb zu erreichen, landete „das Erste“ auf dem Zweiten beim Landeswettbewerb Jugend forscht 2002.

Wie alles begann

Es war mir schnell klar, dass ich Informatik studieren wollte. Bei der Frage, ob es nun Informatik oder Mathematik werden würde, kam mir Informatik interessanter vor als Mathe vor, weil man direkt etwas damit anfangen konnte. – Das soll kein Seitenhieb auf die Mathematiker sein, denn in der Schule lernt man die Mathematik ja noch nicht so richtig kennen. – Ein Studium in Braunschweig war damals die unkomplizierteste Lösung, um mit der Informatik zu beginnen.

Ich hatte absolut keinen Plan von der Universität und auch nicht so richtig davon, was mich im Studium erwarten würde. Nach dem Abitur ging es für mich erst einmal nach Peru auf eine Expedition in die Berge der Cordillera Blanca. Nach der erfolgreichen Rückkehr mit Gipfelglück habe ich ein Praktikum bei der FinanzIT absolviert und somit die Vorkurse und Einführungsveranstaltungen an der TU-Braunschweig verpasst. Außerdem kam sowieso das ganze Studium ziemlich plötzlich, weil ich meine Zivildienst-Stelle auf Grund meines geringen Tauglichkeitsgrads kurz vor Beginn wieder kündigen konnte.

Ich hatte Glück, dass mein Klassenkamerad Tim auch an der TU-Braunschweig studierte. Er hatte sich zwar für Wirtschaftsinformatik entschieden, aber viele Veranstaltungen in den ersten Semestern der beiden Studiengänge waren dieselben. Ich erinnere mich noch, dass ich irgendwann zum ersten Mal in die Uni kam und mich überhaupt nicht zurechtfand. Ich hatte keine Ahnung, wo all die vielen Gänge hinführten und welcher Raum wohl an welcher Stelle auf dem Uni-Gelände zu finden sei. Aber Tim kannte sich schon aus und ich lief einfach hinterher. Die Räume musste ich übrigens zu jedem Semesterbeginn neu finden. Mit welchen Kürzeln sie identifiziert werden, konnte ich nur Raten und ich habe mir einfach für jeden Kurs nur den Weg und nicht die alphanumerische Raumkennung gemerkt.

Extrem mathematiklastig

Was uns Informatikern allen ziemlich schnell auffiel, war dass wir eigentlich nur Mathematikkurse hatten. Es ging los mit Linearer Algebra und Analysis. Ersteres hat auch viele Leute davon abgehalten, das Informatikstudium nach dem dritten Semester weiterzuführen. Woran ich mich noch gut erinnern kann, sind die Dienstagabende. Mittwochs war die Abgabe der Linearen Algebra Hausaufgaben und gleichzeitig die Vorlesung um 8:00 Uhr morgens bei Prof. Ott.  Dienstagsabends öffnete ich eine Standleitung zwischen Hildesheim und Braunschweig per Skype und rätselte mit Tim von den unterschiedlichen Orten aus über die Hausaufgaben und mögliche Lösungen.

In unserer Übungsgruppe war so ein komischer Typ, der nach den ersten drei Blättern die Bestenliste der Hausaufgabenpunkte anführte. Außerdem kannte der Typ auch noch unseren Hiwi persönlich. Solche Streber kann man ja gar nicht leiden. – Ich habe gestern  in meinem Zimmer alte Unterlagen gefunden und da ist mir diese Geschichte wieder eingefallen. – Diesem blöden Streber habe ich es gegeben. Am Ende mit dem zwölften Übungsblatt habe ich ihm gezeigt, wer die Hosen anhat. Zwar knapp, aber:


Auszug der letzten abgegebenen Hausaufgabe in Linearer Algebra

Eine zweite Sache habe ich beim Aufräumen auch noch gefunden: Die erste Klausur, die ich an der Uni geschrieben habe. Es war im Fach Analysis I und ich habe 14,5 von 24 Punkten bekommen. Eine glorreiche Leistung war das nicht und ich lag vielleicht sogar unter dem Durchschnitt damit. Jedenfalls habe ich mich danach einmal eingehender mit der Thematik beschäftigt. Zu der zweiten Klausur sagte mir der Dozent Herr Dr. Hardenberg: „Ah, Herr Ringert, Ihre Klausur habe ich hier liegen. Sie haben meine Musterlösung verifiziert.“ Gut gelaunt machte ich weiter und wurde am Ende des zweiten Semesters während der Vordiplomklausur von Herrn Hardenberg gefragt, ob ich nicht im nächsten Semester in den Übungen mal auf der „anderen Seite“ stehen möchte. Das habe ich dann auch gemacht und fünf Semester lang Analysis I und II Übungen für Informatiker und Wirtschaftsinformatiker geleitet. Am Anfang war ich im dritten Semester und manche meiner Studenten sogar schon weiter. Hier kommt der Beweis, dass auch ein Hiwi mal einen schlechten Tag haben konnte:


Meine erste (und schlechteste?) Klausur an der TU-Braunschweig

Vordiplom

In der Analysisklausur zum Vordiplom gab es knapp zehnmal die Note 1.0. Sechs der Leute kannte ich. Keine andere Klausur des Vordiploms hatte so eine Menge an Erfolgsfällen wie in Analysis. In der Theoretischen Informatik hatte die beste Klausur 74% der Punkte erreicht  und wurde als Basis für die 1.0 genommen. In der Technischen Informatik weiß ich gar nicht mehr, wie viele Punkte ich hatte, weil ich es sowieso nicht glauben konnte, auch in diesem Fach den Maßstab gesetzt zu haben. Von der notwendigen Physik hatte ich so gut wie keine Ahnung und den Rest habe ich auch nie wirklich verstanden. Das war alles komisch: Reflektionen gingen mal hier und mal dort hin, wurden mal addiert oder subtrahiert und selbst Integrale wurden nicht ausgerechnet sondern einfach immer irgendwie gekürzt.

Als dann alle Prüfungen durch waren und dieses Mal 40 bis 50 Leute ihr Vordiplom bekommen hatten, kam ein Brief von der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Das Prüfungsamt hatte mich vorgeschlagen. Viel wusste ich damals noch nicht, aber zumindest so viel, dass man sich ruhig auf dieses Schreiben melden sollte. Es hat sich gelohnt und ich bin nach dem Auswahlseminarwochenende aufgenommen worden. Das Thema für meinen Kurzvortrag war die elektronische Gesundheitskarte. Ein interessantes Thema für einen Informatiker, da man zum einen ordentlich angeben kann, was durch Informatik alles möglich und besser werden könnte. Gleichzeitig kann man aber auch die eigenen Leute ein bisschen auf die Schippe nehmen, da das Projekt schon Jahre im Verzug ist (nicht unüblich für große IT-Projekte).

Das Nebenfach

Der Linearen Algebra und Analysis folgten Logik und Algebra. Unsere Dozentin Frau Prof. Eick machte ein bisschen Werbung für die Mathematik  in Braunschweig und so war ich nicht der einzige, der sich für das Nebenfach Mathematik interessierte. So viele waren es dann aber auch nicht: Neben mir war da noch dieser komische Typ vom ersten Semester aus meiner Linearen Algebra Übung. Aber nun saßen wir ja im gleichen Boot und mussten beide irgendwie Wege finden, unser Nebenfach hinzubekommen. Wir suchten uns ziemlich kurzfristig ein paar Kurse zusammen und hörten zwei Vorlesungen zur Optimierung (bei seinem Vater) und noch eine Einführung in gewöhnliche Differentialgleichungen.

Die Regelung für Mathematik als Nebenfach schreibt eine mündliche Prüfung über acht Semesterwochenstunden im Vordiplom vor. Alle anderen Prüfungen waren bis dahin schriftliche Klausuren gewesen, für die wir teilweise vier Stunden Zeit hatten. Nun sollten wir uns zum ersten Mal mündlich prüfen lassen. Und dann auch noch in Mathematik. Wie sollte man denn über so etwas mündlich geprüft werden?

Wir lernten für alles zusammen. Die Skripte arbeiten wir vor dem Audi-Max durch und versuchten auch alle Beweise zu verstehen. In ganz harten Fällen fragten wir Sven, den Ralf aus der Schule kannte. Er ist Mathematiker, wie man ihn sich nur vorstellen kann. Da stimmt alles: der Haarschnitt, die etwas zu kurzen knöchelfreien Jeans, eine unglaubliche Kreativität bei Beweisen und der ausgewählte Humor, bei dem Mathematiker glaube ich kaum zu übertreffen sind.

Die Prüfung in Mathe war total super. Der Prüfer Prof. Fekete eröffnete mit den Worten: „Ich gehe einfach davon aus, dass sie das wissen, was im Skript steht. Ich will nur gucken, ob sie es auch verstehen und erklären können.“ Wir unterhielten uns über Sachen, die eigentlich nicht viel damit zu tun hatten, was wir die sechs Wochen vorher gelernt hatten. Aber wir fanden uns schnell zurecht damit, das Wissen auf die gestellten Probleme zu übertragen. Anscheinend konnten wir es auch gut erklären und bekamen neben der 1.0 auch noch Angebote für mögliche Hiwi-Jobs.

Die Vertiefungen

Das Grundstudium war vorbei. Man konnte endlich selbst entscheiden, was man vertiefen und lernen wollte: „Super, ich mache Theoretische Informatik, Software Engineering und als Nebenfach weiterhin Mathe!“ Und als drittes Vertiefungsfach? „Hmm…, na dann mache ich mal Datenbanken… das kann man eigentlich immer gebrauchen.“

Das gemeinsame Lernen mit Ralf hatte sich als ganz gut herausgestellt. Wir waren auf einer Wellenlänge und konnten uns gegenseitig viel helfen. Wir mussten uns auch nicht gegenseitig durch die Sache durchziehen, weil mal der eine eine Idee hatte, dann aber auch wieder der andere. So beschlossen wir, auch für die Kryptologie-Prüfung gemeinsam zu lernen und gewöhnten uns langsam daran. Diese Prüfung hat mich von den bisher abgelegten am meisten verunsichert. Mitten in der Herleitung eines Verfahrens auf dem Papier unterbrach mich der Prüfer: „Nein, das lässt sich nicht mehr korrigieren, machen wir noch mal was anderes.“ Kein so tolles Gefühl. Als ich dann vor der Tür stand wunderte ich mich immer noch, was denn wohl falsch gewesen sei, aber zum kompletten Durchrechnen im Kopf war ich auch zu nervös. „Wir haben uns das noch mal angesehen, Sie hatten doch den richtigen Ansatz, aber das Ganze nur anders aufgeschrieben als im Buch. Damit haben Sie dann auch ihre 1.0 verdient.“

Das generelle Problem des gemeinsamen Lernens ist, dass man weiß wie gut der andere ist und wie gut man selbst relativ dazu ist. Natürlich ist dies Tagesformabhängig, aber irgendwie haben Ralf und ich immer ein Niveau gehabt (… oder, Ralf?). Problematisch wird es, wenn man alleine in die Prüfung geht bzw. die Note bekommt. Da möchte man als zweiter Prüfling gar nicht wissen, was der andere hatte. Wenn er eine 1.0 hatte, dann wäre dieser riesige Druck da, auch eine zu schaffen, weil man ja eigentlich zusammen gelernt hatte. Wenn eine schlechtere Note das Ergebnis wäre, dann wäre man selbst total verunsichert, weil man ja auch nicht mehr weiß oder kann, als der andere.


Szene des gemeinsamen Lernens

Das gemeinsame Lernen mit Ralf hat jedoch nicht immer nur Einser produziert: Beim Lernen für Wahrscheinlichkeitstheorie sind wir lieber Schwimmen gegangen und haben uns dann am Nachmittag vor der Klausur mit zwei anderen Studenten Chris und Dirk getroffen. Chris war krank und hat schon bei der Diskussion beschlossen, wieder nach Hause zu fahren. Dirk ist mit uns geblieben. Doch eigentlich konnte den Stoff keiner von uns. Wir haben später einzeln noch die halbe Nacht durchgemacht, aber alle drei die Klausur mitgeschrieben. Ich hatte eine 3.3, auf die man eigentlich bei solch einer Vorbereitung stolz sein könnte. Aber gerade auf diese eine Note wurde ich nun schon von zwei Professoren angesprochen, warum ich dort denn so schlecht gewesen sei…

Anstellungen an den Instituten

Insgesamt habe ich fünf Semester lang bei Herrn Hardenberg Analysis Übungsgruppen betreut. Am Anfang hatten wir noch Hochbetrieb mit sieben oder acht Hiwis. Einem von denen habe ich bei der Klausuraufsicht mal einen Zettel in die Hand gedrückt, weil ich dachte es sei ein verspäteter Student. Der Betrieb wurde weniger, als die Informatiker auf Bachelor umstellten und nur noch Wirtschaftsinformatiker zur Übung kamen. Am Ende habe ich neben Herr Hardenberg als einziger Hiwi die Stellung gehalten. Wenn ich mal im Urlaub war, konnte ich aber auch Holger, Benni und Ralf dazu überreden einmal einzuspringen. Einen Tag saß ich gerade im Skilift, als mein Handy klingelte. Es war Ralf. Er wollte wissen, wann denn die Übung sei. Der Raum wäre leer gewesen. Leider hatte er sich um einen Block vertan und so waren alle Studenten 1,5 Stunden vorher umsonst gekommen. Die Parole von Herrn Hardenberg lautete: „Organisieren Sie ihre Vertretung. Solange die Studenten nicht bei mir auf der Matte stehen, ist mir das egal.“

Parallel zu den Übungen in Analysis habe ich auch noch eine Job am Institut für Software Systems Engineering angenommen und dort ein paar Inhalte für Vorlesungen über formale Methoden in der Softwareentwicklung ausgearbeitet. Diese Methoden schaffen eine Verbindung zwischen Anwendung und Theorie, die ziemlich mathematisch werden kann. Dadurch bleibt dann oft die Anwendung auf der Strecke. Zugunsten stärkerer Bemühungen in Richtung der formalen Methoden habe ich nach fünf Semestern meinen Job bei Herrn Hardenberg und der Analysis aufgegeben.

Ein Semester später merkte ich aber schon, dass ich den Übungsbetrieb mit dem Kontakt zu den Studenten vermissen würde und nahm einen weiteren Job am Institut für Programmierung und Reaktive Systeme an. Herr Dr. Struckmann bot mir an, die Übung zu seiner Vorlesung „Programmieren für Fortgeschrittene“ zu betreuen. Ich schlug ein und bekam ein Buch, auf dessen Grundlage ich die Übung halten sollte. Ich glaube, als ich im Spätsommer in Paris mit dem Buch in der Hand an der Seine saß, merkte ich langsam, dass diese Übung einen relativ hohen Aufwand bedeuten würde. In Paris selbst habe ich während des Kurzurlaubs nicht mehr viel daran arbeiten können. Die ersten Übungen auszuarbeiten, hat mich eine Menge Zeit gekostet. Neben einem Übungsskript hatte ich auch noch Übungsaufgaben, Folien und Musterlösungen auszuarbeiten. Es war eine gute Erfahrung.

Braunschweig neben der Uni

Ich muss zugeben, dass ich Braunschweig neben der Uni erst sehr langsam und nur Stück für Stück kennengelernt habe. Wenn Kommilitonen einmal Orte beschreiben wollten, wurden oft das Joker oder andere Diskotheken und Kneipen als Anhaltspunkte verwendet. Da haben die Erklärungen bei mir immer eine Weile länger gedauert. Es lag aber auch daran, dass ich bis zu drei Monate jedes Jahres an anderen Flecken der Erde verbracht habe, wo man klettern oder bergsteigen konnte. Immerhin habe ich die beiden letzten Jahre aber den Winterzauber und das Sommerfest des Unisports besucht. Dieses Jahr war ich auch bei der Vorbereitung dabei und habe mit Martin zusammen 150 Gläschen Wackelwodka gekocht:


150 Gläser Wackelwodka zur durch Zucker beschleunigten Aufnahme in den Blutkreislauf

Nach ein paar Jahren merkt man dann auch, wie klein Braunschweig auf einmal geworden ist. Gerade durch die Hiwi-Jobs an der Uni kennt man auch die unterschiedlichen Generationen der Studenten und trifft fast überall jemanden, mit dem man schon einmal etwas zu tun gehabt hat.

Mathematik im Hauptstudium

Mit unserem Eintritt ins Hauptstudium hätten Ralf und ich uns eigentlich auch gleich um die notwendigen Vorlesungen zur Mathematik kümmern sollen. Eine beliebte Variante ist die Kombination von Graphentheorie, Algorithmischer Graphentheorie und Geometrie. Für Graphentheorie haben Ralf und ich uns auch entschieden. Das Skript zur Algorithmischen Graphentheorie kam uns als Informatiker teilweise schon bekannt und nicht zu sehr fordernd vor.

Kurz vor Beginn unseres siebten Semesters war es höchste Eisenbahn mit dem Nebenfach weiter zu machen und wir sahen im Stundenplan „Funktionalanalysis“ mit 4+2 Semesterwochenstunden. Analysis hatten wir Informatiker ja schon einmal gehört. Das würde ja wohl nicht so viel anders sein… Da ich durch einen Urlaub die erste Woche verpasste, konnte mir Ralf berichten, dass er ein sonderbares Erlebnis hatte: Als er in die Vorlesung kam, saß unser Mathematiker Sven dort und begrüßte ihn fröhlich. Er fand es beachtlich, dass wir uns als Informatiker diese Vorlesung zutrauen würden. Wir merkten dann auch weshalb. Jeden Freitag haben wir uns nachmittags mit Sven getroffen, um für die Hausaufgaben Ideen zu erarbeiten. Einmal war Sven krank und kam freitags nicht. Ralf und ich gaben nach zwei Stunden auf, ohne auch nur zu wissen, was eine einzelne Aufgabenstellung bedeuten sollte.

Bei unseren Prüfungsvorbereitungen haben wir kurzzeitig überlegt, ob wir es nicht bei dem Schein in Funktionalanalysis bewenden lassen und uns über das Standardpaket mit Algorithmischer Graphentheorie prüfen lassen sollten. Wir waren jedoch zu stolz dazu und haben deshalb ca. 3 Monate ordentlich hart um das Verständnis der Beweise und Sätze ringen müssen. Es war mit Abstand unsere schwierigste Prüfungsvorbereitung.

Die Diplomarbeit

Ich habe eine Weile überlegt, meine Diplomarbeit im Bereich der Kryptologie zu schreiben. Zu dem Zeitpunkt habe ich mich auch gerade mit formalen Methoden in der Softwareentwicklung beschäftigt. Ich bekam das Angebot, mich in ein computergestütztes Beweissystem einzuarbeiten. Das hörte sich für mich unheimlich faszinierend und vielseitig an. Weiterhin bot sich die Möglichkeit, diese Einarbeitung als Vorbereitung für meine Diplomarbeit zu verwenden. Diese Diplomarbeit würde sich im Rahmen eines Projekts befinden, das schon seit ein paar Jahren Ergebnisse produzierte, auf denen ich aufbauen könnte. Eine vergleichbare Integration in ein laufendes Projekt und die entsprechend sehr gute fachliche Betreuung bot sich mir so direkt an der TU-Braunschweig nirgends anders an und ich nahm die Arbeit auf.

Das Projekt lässt sich im Bereich der formalen Methoden und theoretischen Grundlagen der Softwareentwicklung einordnen. Ich habe mich in ein mathematisches Modell für die grafische Modellierungssprache UML eingearbeitet und dieses an einigen Stellen abgewandelt und vereinfacht. Einen Teil des Modells habe ich in dem Theorembeweiser Isabelle implementiert. Isabelle macht es möglich, Beweise mit Hilfe des Computers zu führen und verifizieren zu lassen. Generell hatte ich leider den Teil der schriftlichen Ausarbeitung der Diplomarbeit etwas unterschätzt und bekam so gegen Ende der Bearbeitungszeit einigen Zeitdruck. Dieser hing teilweise auch damit zusammen, dass ich im letzten Semester noch die besagte Diplomprüfung in Mathematik abgelegt hatte.

Die Bewerbungen

Die ersten Bewerbungen, die ich verschickt hatte, waren eigentlich die, die von allen am spätesten losgeschickt wurden. Schon eine Weile hatte ich überlegt, mein Studium mit einer Promotion fortzusetzen. Bevor jedoch ein Ende des Studiums überhaupt abzusehen war, machte man sich ja auch keine konkreten Gedanken, was danach käme. Gegen Ende des letzten Jahres war es abzusehen, dass ich im September 2008 fertig werden könnte. Mein Studium war bisher super gelaufen und ich hatte sehr gute Noten erreicht. Mir war klar, dass ich mit den im Studium erarbeiteten Grundlagen etwas anstellen wollte und nicht nur Wissenschaft sehen, sondern selber mitmischen wollte.

Als ich das Abitur hinter mir hatte, freute ich mich auf die Universität, weil ich dort lauter Leute um mich haben würde, die ein Interesse in derselben Richtung hätten. Ich nahm an, dies würde den Wettbewerb untereinander und die Motivation zu guten Leistungen mehr fördern, als es für mich in der Schule der Fall gewesen war. Ich habe auch motivierte, interessierte und gute Leute getroffen, musste aber selbst nicht besonders viel kämpfen, um nicht ins Mittelfeld der Leistungen zu geraten. Eine andere Universität hätte vielleicht mehr von mir abverlangt und ich wollte einmal sehen, wie gut ich für einen internationalen Vergleich gerüstet war.

Leider merkte ich etwas spät, dass die Bewerbungsfristen für die meisten Universitäten der USA schon im Dezember des Vorjahres abliefen. Innerhalb von ein paar Wochen versuchte ich noch alle notwendigen Unterlagen, Bescheinigungen, Empfehlungsschreiben und Sprachtests zu beschaffen bzw. zu absolvieren, um mich für ein PhD-Programm bewerben zu können. Alle Unterlagen konnte ich fristgerecht für Bewerbungen im Fach Kryptologie einreichen. Leider bekam ich nur Absagen.

Da ich jedoch lieber in die Berge als zum Football gehe, konnte mir die Ivy League auch gestohlen bleiben. Der nächste Anlaufpunkt war die ETH-Zürich, wo ich einige hilf- und aufschlussreiche Gespräche mit Professoren geführt habe. Ich wollte in den Bereich der Kryptologie und Systemsicherheit gehen. So wie es aussieht ist es jedoch nicht so einfach, sich gut in einem Forschungsbereich zu verkaufen, wenn man dort noch keine Erfahrungen gesammelt hat und die Bewerber eigentlich alle nur die besten Noten vorweisen können.

Nach dem Fertigstellen meiner Diplomarbeit wurde es ernst. Ich musste mich entscheiden, ob ich in einen neuen Bereich gehen wollte, was für mich und den potentiellen Arbeitgeber ein gewisses Risiko darstellen würde. Ich erhielt auch das Angebot meines betreuenden Professors im Bereich der Softwareentwicklung weitere theoretische mathematische Grundlagen zu bearbeiten. Da ich bis zum Ende Spaß an dem Thema meiner Diplomarbeit hatte, bin ich mir ziemlich sicher, dass dieses Angebot gar nicht so schlecht ist. Bei der Reflektion meines Studiums, die auch Grundlage dieses Berichts ist, fiel meine Entscheidung, die nächsten Jahre an einer Universität zu bleiben und neben der Forschung auch die Lehre weiter kennen zu lernen. Ich habe vor knapp einer Woche dem Professor zugesagt und werde voraussichtlich zum ersten November mit der Arbeit beginnen.

 
 
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