Versuch am Blassengrat (Winterbegehung)

Seit einer Weile haben wir auf gutes Wetter in den Alpen gewartet. Das Wochenende ab dem 10. März sollte eines der Besten werden. Am Samstag morgen fuhren wir los, um Sonntag eine Skitour zu machen und am Montag in den Grat einzusteigen. Wir - das sind Chuck, Jens, Bommel und ich. Der Blassengrat - das ist ein Grat, der eher im Sommer als im Winter begangen wird, da es sich um einen sehr schmalen und langen Felsgrat handelt, der teilweise Klettereien im dritten Schwierigkeitsgrat enthält.

Ankunft in Garmisch-Partenkirchen

Nachdem wir am Samstag um 7:00 Uhr in Hildesheim gestartet sind, kamen wir mit ein paar Zwischenhalten um ca. 16:30 Uhr in Garmisch-Partenkirchen am Parkplatz der Seilbahn zum Kreuzeck an. Leichter Schneematsch rieselte auf die Windschutzscheibe und wir (Chuck und ich) warteten zuerst die Ankunft von Jens und Bommel ab.


Der Plan, mit einem Auto zu fahren, ging leider nicht auf:
Der GT ist zu klein für vier Leute mit Ski- und Bergausrüstung.

Da wir neben dem eigentlichen Grat noch eine Skitour machen wollten, standen wir vor einigen logistischen Problemen. Wir hatten die Skiausrüstung und die Bergausrüstung dabei und wollten möglichst wenig Zeit damit verbringen, diese herumzutransportieren. Darum entschieden wir uns, alles mit auf den Berg zu nehmen, und die Ski später im Kreuzeckhaus neben der Bergstation der Bahn zu deponieren.


Chuck, Bommel, Jens und jede Menge Gepäck.

Materialtransport

Am Sonntag starteten wir mit fast der gesamten Ausrüstung, die wir für den Grat brauchen würden. Wir brachten diese zu dem Startpunkt unserer Tour. Zum Transport der Sachen benutzen wir unsere Ski und fuhren über angrenzende Pisten und einen Skitourenweg hinüber zur Stuibenhütte. Es ist ein ganz neues Gefühl, mit 10 bis 15kg auf dem Rücken Ski zu fahren :-) .


Chuck und Bommel beim Anlegen der Felle, die bergauf unter die Ski geklebt werden.

Die Hütte, von der aus wir starten wollten, ist nur im Winter offen und wir konnten ohne Probleme unser Material dort deponieren, da nicht viele Übernachtungsgäste dort waren.

Skitour

Nach einer kurzen Pause fuhren wir mit den Ski bergauf zum Einstieg unserer Tour. Um mit den Tourenski bergauf zu "fahren", benutzt man Felle, die unter die Ski gespannt und geklebt werden. Man öffnet die Skibindung, sodass man die Ferse wir beim Langlauf anheben kann. Einen verschneiten Hang mit Ski hinaufzugehen ist unter Umständen einfacher als ohne. Durch die große Auflagefläche bricht man nicht so leicht durch die Schneedecke.
Nachdem wir den Startpunkt unserer Tour für den nächsten Tag erreicht hatten, fuhren wir von der Maurerscharte aus einen relativ steilen Hang hinab. Chuck und ich sind eher Neulinge auf Tourenski und hatten eine Menge Respekt vor der steilen Abfahrt.


Chuck auf dem Weg nach unten.

Der Schnee war jedoch sehr hoch (teilweise bis über die Knie), sodass die Abfahrt am Ende gar nicht so schwierig war, da man genug gebremst wurde.
Nachdem wir wieder die Pisten des Skigebiets erreicht hatten, fuhren wir zurück zur Bergstation der Seilbahn und deponierten in der ersten Hütte unsere Ski. Wir machten uns gegen 15:00 Uhr wieder auf den Weg zur Stuibenhütte, auf der wir vormittags unsere Ausrüstung abgelegt hatten.

Eine nette Begrüßung

Zurück auf der Hütte begrüßte uns der Wirt als seine einzigen Gäste. Er fragte uns, ob wir schon einmal dort gewesen seien. Chuck meinte er sei vor sechs Jahren schon einmal da gewesen. Darauf meinte der nette Wirt: "Ach, Ihr wart die Volldeppen, die sie mit dem Hubschrauber rausholen mussten!". Durch eine Menge unerwarteten Neuschnee war Chuck mit Eckart vor 6 Jahren in der Tour mitten auf dem Grat nicht mehr fähig, vor oder zurück zu kommen. Die Bezeichnung Volldepp war natürlich nicht nett, aber man legt sich als einziger Gast besser nicht so schnell mit dem Wirt an. Nach weiteren Gesprächen im Gastraum muss der Wirt uns für eine absolute Chaostruppe gehalten haben. Es fielen Worte wie: "Ihr habt das Bergsteigen aber nicht erfunden, Jungs." Zu dem Zustand der Tour meinte der Wirt, es sei viel zu viel Schnee auf dem Grat: "Da kommt Ihr sowieso nicht rüber!".

Start der Tour

Die Uhren piepten um 3:30 Uhr morgens und wir wühlten uns aus den dicken Schlafsäcken. Nach ein bisschen Aufwachmüdigkeit stopften wir die Schlafsäcke in ihre Beutel, frühstückten, packten und zogen uns für die Tour an. Im Licht der Stirnlampen starteten wir um 5:00 Uhr an der Hütte und folgten zu Fuß den Skispuren den Hang hinauf. Als die Sonne langsam aufging, erreichten wir die Stelle, die wir am Tag zuvor schon mit Ski ausgekundschaftet hatten.


Bommel und Jens mit ihren vollen Rucksäcken am Einstieg.

Das erste Stück bestand aus relativ hohem Schnee, durch den wir uns erst einmal durchwühlen mussten.


Chuck am Anfang des Grats im tiefen Schnee.

Gleich nach dem tiefen Schnee ging es ein paar steile Felsen hinauf. Das Klettern war unter den gebotenen Umständen nicht wirklich einfach: Dauernd musste man die Felsen vom Schnee putzen. Der Erste warf den meisten Schnee auf die anderen, die allerdings wieder putzen musste, da längst wieder neuer Schnee auf die Griffe und Tritte gerieselt war.

Vom Einstieg zum Fuß des Hohen Gaif

Bald war die Sonne da und wir konnten die Stirnlampen gegen unsere Gletscherbrillen wechseln. Der Grat war selbst an den schmalen Stellen noch sehr hoch verschneit. Leider war der Schnee kein fester Firn, sondern eher pulverig und lose.


Chuck, Bommel und Jens auf dem Grat an einem leichten Stück.

Teilweise enthielt der Grat auch seht steile Stellen, an denen wir abklettern mussten.


Bommel gefolgt von Jens an einer steilen Kletterstelle.

Immer wieder ging es auf dem Grat hinauf und hinab. Wir hatten sehr viel Schnee. Jens ging große Teile des Grats vorweg und "putzte" die Felsen ab. Ab und zu schob er ganze Schneebretter vom Grat, die dann mit einem lauten dumpfen Schlag in die Hänge rechts und links vom Grat einschlugen.


Jens und Bommel an einem Stück des Grats mit sehr viel Schnee.

Um 11:40 Uhr erreichten wir den Fuß des Hohen Gaif auf dem Grat. Hier war die einzige Stelle, an der wir sicher die Tour abbrechen konnten. Würden wir weitergehen, kämen wir später nicht mehr so einfach vom Grat herunter. Die schweren Rucksäcke und die teilweise sehr anstrengenden Kletterstellen in den beschneiten Felsen forderten viel Kraft von uns. Diese Anstrengung hatten wir nicht erwartet. Wir kamen auch nur relativ langsam voran, da einfach zu viel Schnee auf dem Grat lag. Nach einer kurzen Beratungspause beschlossen wir, unser Gepäck hier zu deponieren und nach einer Besteigung des Hohen Gaif den Abstieg ins sichere Tal zu wählen.

Hoher Gaif und zurück

Der Weg hinauf zum Hohen Gaif war nicht viel einfacher als der Rest des bisher gegangenen Grats. Durch Absichern der schwierigen Stellen am Seil, benötigten wir für die restlichen ca. 150 Höhenmeter fast drei Stunden bis zum Gipfel.


Chuck und Bommel beim Einrichten der Seil-Sicherung und beim Klettern.

Den Gipfel haben wir nach einem Eintrag in das Gipfelbuch schnell wieder verlassen, da ein sehr kalter Wind keinen Anlass zum Verweilen bot. Vom Gipfel zurück zu den Rucksäcken kamen wir auch nicht viel schneller herab als herauf, da die verschneiten steilen Felsen auch in dieser Richtung sehr viel Aufmerksamkeit und Mühe kosteten.

Ein weiteres Abenteuer bestand darin, den Normalweg zum Hohen Gaif abzusteigen. Im Sommer ist dies ein Klettersteig, der teilweise mit Stahlseilen gesichert ist. Wir fanden nur eine steile Flanke des Berges mit sehr viel weichem Pulverschnee, der uns bis über die Knie reichte. Nachdem wir die Flanke heruntergestiegen waren, begann ein langer Fußmarsch, der uns hinunter bis ans Ende der Bernadain-Abfahrt führte, von wo wir im Licht unserer Stirnlampen zum Kreuzeckhaus aufstiegen.

Sehr müde und abgekämpft erreichten wir gegen 20:00 Uhr die Hütte und waren die einzigen Gäste. Es war schon alles dunkel im Gastraum. Trotzdem wurden für uns sogar noch Spaghetti aufgewärmt, bevor wir uns wie Steine in die Betten legten und sehr bald einschliefen. Die insgesamt 15 Stunden Tour, die hinter uns lagen hatten uns alle sehr fertig gemacht.

Abschluss der Reise

Am nächsten Tag entschieden wir uns, nach dem Frühstück das gute Wetter noch ein wenig auszunutzen. Bommel fuhr in seinen Hüttenschuhen und dem dünnen Pullover direkt vom Frühstückstisch mit der Bahn ins Tal, um uns Skipässe für das anliegende Skigebiet zu kaufen. Gegen 10:00 Uhr sausten wir über die Pisten und merkten, dass uns die Tour vom Vortag doch noch in den Beinen steckte.

Leider mussten wir wegen der schlechten Verhältnisse die geplante Tour abbrechen. Bis dahin war es dennoch eine nette Sache und der Ausflug hat sich sicher gelohnt. Nun haben wir mit dem Grat eine Rechnung offen. Manche dieser offenen Rechnungen reichen schon viele Jahre zurück. Es bleibt die Frage, ob wir irgendwann mal wieder einen Versuch starten, diese Rechnung zu begleichen :-)








Abbruchstatistik

Diese Tabelle zeigt, wie oft die einzelnen Teilnehmer der Tour diese im Winter schon abbrechen mussten:

Name
Fehlversuche der Tour
Bommel
1
Chuck
2
Jan O.
1
Jens
3

Daten der Tour

Bei den hier angegebenen Daten handelt es sich um Daten aus dem Tourenspeicher meiner Armbanduhr (Höhendaten nur Richtwerte):

Zeit Höhe ü.n.N. Ort
3:30
1630m
Aufstehen im Lager der Stuibenhütte
4:45
1630m
Start an der Stuibenhütte
6:15
1902m
Einstieg auf den Grat (Maurerscharte)
11:20
2091m
Vor dem Hohen Gaif am Normalweg
14:32
2223m
Auf dem Gipfel des Hohen Gaif
16:40
2142m
Verlassen des Grats zu den Rucksäcken (?)
17:43
1941m
Verlassen der Flanke nach dem Abstieg (?)
19:04
1511m
Fuß der Bernadain-Abfahrt
20:03
1645m
Kreuzeckhaus (Ende der Tour)

 
 
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